3023 - Καταγραφή της επιστολής του Κ. Καραθεοδωρή στον H. Kneser (25/02/1934)

N. Lygeros

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Lieber Herr Kneser,

Sie werden wohl sehr böse auf mich sein, dass

ich Ihnen nicht über Süss geschrieben habe. Tatsächlich

habe ich mir grosse Mühe gegeben, und viele seiner Arbeiten

mehr oder weniger genau angesehen. Süss hat ohne Zweifel

ziemlich viel geleistet, und viele Probleme angepackt.

Ich glaube daber, dass die Beförderung, die Sie im Auge

haben, wohl verdient ist.

Andererseits hat mir die Beschäftigung mit seinem

Arbeiten immer wieder den Eindruck hinterlassen, dass

die Sachen zu schnell publiziert sind und dass etwas

skizzenhaftes fast immer ihnen anhaftet. Ich bin

allerdings etwas schwerfällig, aber er ist mir kaum ei-

ne Arbeit begegnet, bei der sehr schwören könnte, dass


immer alles in Ordnung ist. Deshalb habe ich

immer wieder Hemmungen gehabt, wenn ich mich

hinsetzen wollte, um Ihnen zu schreiben. Wie

beurteilen Sie z. B. die Dissertation? (Math. Ann.

82 – die ausführliche Arbeit kenne ich nicht) Wird der

nicht mit Nicht Archimedischen Zahlen in einer Weise

gerechnet, die ziemlich gefährlich ist? Wir stehen Sie

zu der topologischen Axiomatisierung der Euklidischen

Ebene? Mir ist das Axiomensystem von Süss nicht

sehr durchsichtig. Ich sehe den Grund der Fragenstel-

lung nicht ein; wenn man die Voraussetzung, die Hil-

bert gemacht hat, dass die Gruppe abgeschlossen ist,

fallen lassen will, so muss das Axiomensystem, das an

die Stelle treten soll, eben so einfach sein. Was hat

[…] für einen Sinn die Forderung “der Kreis soll eine

Jordansche kurve seinen” zu ersetzen durch die andere

“die abgeschlossene Hülle des Kreises soll eine Jordan-

sche Kurve sein”. Das ist eine Art Axiomatik, die ich

nicht verstehe. Baldus hat auch viele Hilbertschen

Axiome durch andere ersetzt; bei Baldus habe ich aber

stets den Eindruck, dass die Axiome, die er wählt,

durch Jahrelange Beschäftigung mit dem Themas […] immt

werden sind. Bei Süss werde ich die Vermutung nicht


los, dass er irgend einen Einfall, den er zufällig gehabt hat,

zu Papier bringen wollte. Nun ist Süss sehr lange in

Japan ziemlich isoliert gewesen, und es muss ihm zu

Gute gerechnet werden, dass er auch dort sich beständig

mit Mathematik beschäftigt hat.

Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass viel-

leicht, wenn ich Süss persönlich kennen würde, ich seine Art

und seine Arbeiten besser verstehen könnte. Es ist ja wie

möglich aus denn gedruckten Papier allein ein wirklich

gerechtes Urteils zu bilden. Entschuldigen Sie also bitte,

dass ich Ihnen so wenig positives beisteuern kann.

Mit herzlichen Grüssen

Ihr sehr ergebener

C. Carathéodory